Im Gespräch mit Mattis Dieterich (Kölner Ratsmitglied) – Teil 2

Fragen zur Zukunft des Kölner Nordens (schwarz dargestellt)
Antworten von Stadtrat Mattis Dieterich (grau dargestellt)



Mattis Dieterich, im September 2026 für den Kölner Norden in den Stadtrat gewählt, beantwortet Fragen des WorringenPur-Teams (Heike Matschkowski und Jakob Mildenberg) zum Kölner Norden. Am 09. Februar veröffentlichte WorringenPur Teil 1 des geführten Gesprächs, dass unter „Politik“ archiviert wurde. Hier nun die Ergebnisse des zweiten Gesprächs für unsere interessierten Leser:innen:


Gesundheitswesen
Mit rund 85.000 Einwohnern ist der Bezirk Chorweiler größer als manche Stadt. Warum hat der Stadtbezirk kein eigenes Krankenhaus? Das Heilig Geist Krankenhaus in Longerich ist überlastet, auch weil Hackenbroich nicht in jedem Notfall Worringer aufnimmt. Der Fachärztemangel ist Fakt und in sehr vielen Fällen muss man nach Köln und die Wartezeiten für Kassenpatienten betragen oft mehrere Monate. Das Gleiche gilt für die Radiologien, wenn ein CT oder MRT notwendig ist.
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Angesichts der kürzlich durchgeführten Krankenhaus-Reform wäre ein eigenes Krankenhaus im Bezirk Chorweiler illusorisch. Diese Reform sieht nämlich vor, dass Krankenhäuser zusammengelegt werden, statt überall ein eigenes zu haben. Ziel ist, weniger Krankenhäuser, dafür aber eine höhere Spezialisierung. Das sorgt z. B. auch dafür, dass das Kinderkrankenhaus in Riehl geschlossen und alles nach Merheim zu den Kölner Kliniken verlegt
werden soll. Das ist ja auch nicht für den Kölner Norden gut. Ähnliches passiert in Dormagen, da gibt es ja auch Pläne die Geburtsklinik zu schließen. Dazu gab es eine große Petition, die von Bürgermeister Erik Lierenfeld und einer Initiative gestartet wurde, damit zumindest ein Teil der Geburtsstation erhalten werden kann.
Die Stadt Köln überlegt aber derzeit, ob die Verteilung der niedergelassenen Ärzte gerechter erfolgen kann. Dazu hätte aber die kassenärztliche Vereinigung noch großes Mitspracherecht.

Wie ist der aktuelle Stand der Dinge bei der neuen im Dezember gegründeten Initiative “Gesundheitsregion Köln Nord”? Geht es da voran?
Die „Gesundheitsinitiative Köln Nord“ ist nur ein Modellprojekt, das durch Landesmittel finanziert wird, um die Gesundheitsinfrastruktur in den Stadtbezirken Chorweiler und Nippes zu verbessern. Es gibt einen Bürgerrat, der in den nächsten Monaten tagt und Dieterich MattisVorschläge entwickelt. Was dadurch konkret entstehen kann, ist noch unklar.

Warum wird nicht zumindest für die Übergangsphase wieder eine “Notfallpraxis” eingerichtet, die auch die Notfallambulanzen in Hackenbroich und Hl.Geist entlasten würde?
Ich bin auch der Meinung, dass der Kölner Norden eine massive medizinische Unterversorgung hat – es gibt keine Notfallpraxis und zu wenige Ärzte. Der Mangel an Ärzten im Kölner Norden liegt auch daran, dass viele Ärzte sich vor allem in für sie attraktiveren Regionen wie Lindenthal und Rodenkirchen niederlassen, wo sehr viele Privatpatienten sind. Aber dieses Thema können wir nicht auf kommunaler Ebene lösen. Man muss viel stärker unterstützen, damit sich hier mehr Arztpraxen bilden, indem die Stadt es z. B. einfacher macht Grundstücke bereit zu stellen oder ein bisschen was zur Miete dazu gibt.
Eine Notfallpraxis für Chorweiler würde ich total begrüßen, aber das ist dann keine rein städtische Entscheidung, weil auch hier die kassenärztliche Vereinigung mitspielen müsste. Grundsätzlich könnte sich aber das ganze Problem mit dem Bau von Kreuzfeld in Luft auflösen, weil dort ja ein klarer Schwerpunkt auf Gesundheit gelegt wird, mit dem Plan, ein „Medizinisches Versorgungszentrum“ (MVZ) aufzubauen, eine Art Ärztehaus. Das wäre auch eine riesige Verbesserung für die Menschen hier in Worringen, Roggendorf/Thenhoven und Umgebung. Leider dauert es ja noch ein paar Jahre mit Kreuzfeld.

Wohnraum
In Ehrenfeld stehen laut KStA 1.300 Wohnungen leer. In ganz Köln sind es weitaus mehr. Warum geht die Politik nicht entschiedener gegen die Leerstände vor?
Warum wird viel wertvoller Wohnraum weiterhin missbraucht, zum Beispiel von AirBNB, um dort wochenweise Touristen oder  Handwerker zu beherbergen?
Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum hatte in den letzten Jahren keine Priorität bei der Stadt. Das liegt daran, dass dem Wohnungsamt Kapazitäten fehlen, um sich auch um den Wohnungsbau zu kümmern. Deswegen hat derzeit der Schutz von Mietern (z. B. Beseitigung von Schimmel in der Wohnung…) Vorrang vor Wohnungen mit Leerstand. Das ist gemeinsam mit unserem OB eines unserer Fokus-Themen, um die wir uns kümmern wollen. Neben Wohnungsbau gehört ebenso der Mieterschutz, die Bekämpfung von Leerstand und Zweckentfremdung von leerstehenden Wohnungen dazu.

Entsorgung von Herbstlaub großer Bäume
In Worringen gibt es Straßen (z.B. Hackenbroicher Str.), die von alten und großen Platanen gesäumt sind. Im Herbst fällt hier derart viel Laub an, dass die Anwohnenden und laut Stadt hierfür Zuständigen dem nicht mehr Herr werden können. Zudem verstopft dieses Laub regelmäßig, die Kanäle, die dann beim nächsten Starkregen dafür sorgen, dass Wasser in den Straßen steht und in die Keller läuft.
Warum entzieht sich die Stadt hier der Laubentsorgung?
Weil dafür zu wenig Personal vorhanden ist und das keine städtische Priorität ist.

Olympia im Kölner Norden
Wie steht die Kölner SPD zu den Olympia-Plänen? Ist das finanziell zu verantworten? Ist es angemessen, hierfür noch mehr wertvolle Grünflächen im Kölner Norden zu verbauen? Müssen im Kölner Norden noch mehr Grünflächen verbaut werden?
Wir werben mit dem Oberbürgermeister für Zustimmung für die Olympischen Pläne. Die Entscheidung, ob Köln sich bewerben soll, treffen aber die Bürger im Bürgerentscheid zum 19. April dieses Jahres. Dazu wird die Stadt an alle Wahlberechtigten im März einen Brief mit Unterlagen verschicken, der bis Anfang April zurück geschickt werden muss. Wir haben uns -entgegen anfänglicher Überlegungen- für die Briefwahl entschlossen, die kostensparend ist.
Aus finanzieller Perspektive ist Olympia eine gigantische Chance, weil wir dafür Gelder erhalten würden, die wir in dieser Höhe in den nächsten Jahrzehnten ohne Olympia nicht ansatzweise erhalten würden. Der Großteil der Kosten würde von Bund und Land getragen werden, immerhin würde allein das Land NRW 85 % der Kosten übernehmen. Und die Kölner Kosten würden um ein Vielfaches durch Fördergelder nach Köln zurückgeholt.
Um es deutlich zu sagen: Der Kölner Norden würde durch Olympia mit Geld regelrecht zugeschüttet werden und da Infrastruktur-Projekte auf höheren Ebenen priorisiert werden, würde Kreuzfeld durch das Olympiagelände deutlich schneller umgesetzt werden können.
Die Bedenken, dass hierfür noch mehr Grünflächen im Kölner Norden verbaut werden müssten, sind unnötig, da durch Olympia keine Grünflächen bebaut werden, die nicht sowieso bebaut werden müssten.

Zukunft der Infrastruktur
Auch in
Worringen geht das Sterben von Kneipen, Restaurants und auch Fachgeschäften weiter. Das ist jetzt nicht Schuld der Politik, aber wäre es nicht hier besonders hilfreich, wenn das Umfeld stimmt
? Ein Lokal/Geschäft besucht man nur, wenn man dort parken kann oder die Anfahrt über vernünftige Radwege oder Straßen möglich ist. Hat ein Lokal/Geschäft ein schlechtes Umfeld, dann fährt man da auch nicht hin.
Was kann die Politik tun, um ein weiteres Sterben der Restaurants, Fachgeschäfte etc. zu verhindern?

Diese Entwicklung betrachte ich auch mit großer Sorge. Das sind primär unternehmerische Entscheidungen, die die Stadt nur begrenzt beeinflussen kann. Aber wir müssen mit einer vernünftigen Infrastruktur dafür sorgen, dass Menschen sich ermutigt fühlen wieder Geschäfte zu eröffnen. In Rheinland-Pfalz wirbt z. B. der SPD Ministerpräsident im aktuellen Landtagswahlkampf mit einem Dorf-Kneipen-Programm, das gezielt in den Erhalt und die Förderung von Dorfkneipen investiert. Wenn das funktioniert, wäre das auch eine Idee für Köln.

MERKENICH/Klärschlammverbrennungsanlage
In Merkenich ist ab 2026 der Bau einer Klärschlammverbrennungsanlage geplant, die Stadt Köln wird Eigentümerin sein.
Der Klärschlamm aus vier Bonner Anlagen soll ab 2029 hier in Merkenich verbrannt werden. Die Anlieferung sollte ursprünglich per Schiff erfolgen, um Verkehr und Umwelt in Merkenich nicht noch mehr zu belasten. Nun hat sich die Stadt Bonn aber entschieden, die bis zu 8.000 Tonnen Klärschlamm nicht per Schiff über den Rhein, sondern mit Elektro-Lkw über die Straßen nach Merkenich zu transportieren. Insgesamt sollen täglich ca. 20 LKW-Fahrten zur Entsorgung eingeplant sein.
Wie steht die Kölner SPD dazu?
Ich bin aktuell sehr verärgert, weil die Standort-Entscheidung Merkenich auf insbesondere zwei Säulen fußt: ein Dycker-Transport unterm Rhein aus Stammheim und ein Schiffstransport aus Bonn. Das waren die Voraussetzungen.
Die Merkenicher haben zu recht die Sorge, dass noch mehr Verkehr den Ort belasten würde. Deshalb hat der Stadtrat letztes Jahr auf meine Initiative beschlossen, dass Bonn den Klärschlamm nur per Schiff anliefern soll. Wenn das nicht passiert, muss der Standort grundsätzlich in Frage gestellt werden.

Kölner Grundsteuer
Am 16.12.2025 erfolgte der Ratsbeschluss zur Erhöhung der Grundsteuer B. War dies ein einheitlicher Beschluss und wird die Erhöhung langfristig bestehen bleiben?
Nein, das war kein einheitlicher Beschluss - dafür gestimmt haben CDU, Grüne, SPD und Volt. Und ja, die Entscheidung zur Grundsteuererhöhung kann angesichts der finanziellen Lage der Stadt Köln nicht mehr zurück genommen werden.

Welche realistischen Ziele für den Kölner Norden hast du dir gesteckt?
Ich möchte, dass die Menschen in fünf Jahren sehen, dass Köln nicht am Militär-Ring endet.


Mattis, vielen Dank für das erneute Gespräch. Hast du noch ein Abschlusswort für unsere Leser:innen?
Ich möchte die Bürger:innen weiterhin
umfassend und zeitnah informieren. Jede/r ist aber auch herzlich eingeladen Fragen direkt an mich zu stellen, am besten über meine städtische E-Mail-Adresse mattis.dieterich@stadt-koeln.de oder aber auch via Instagram unter @mattis.koeln oder via facebook: an Mattis Dieterich.



Die nächsten wichtigen Termine:

19. April 2026
Kölner Bürgerentscheid:
Die Bevölkerung darf per Briefwahl mit entscheiden, ob Köln sich für Olympia bewerben soll. Die Wahlunterlagen werden von der Stadt Köln im März verschickt und müssen bis Anfang April zurück geschickt werden.

September 2026
Abstimmung des DOSB
(Deutsch Olympischer Sportbund), ob Köln bzw. NRW die deutsche Bewerbung für Olympia anführen darf


WorringenPur.de/13.03.2026
Interview: Heike Matschkowski/Jakob Mildenberg
Redakt. & digit. Bearbeitung: Matschkowski