Ankunft und Versorgung ukrainischer Flüchtlinge
am Beispiel der Stadt Dormagen
Matthias Klehr, ehrenamtlicher Sanitäter berichtet:

Matthias Klehr wohnt in Dormagen und engagiert sich dort seit vielen Jahren ehrenamtlich als Rettungsassistent beim Malteser Hilfsdienst Matthias KlehrDormagen. Im Kölner Norden ist er vielen bekannt als Filialleiter der Kreissparkasse Worringen. Heute berichtet er unseren Leserinnen und Lesern von der Versorgung Ukrainischer Menschen, die durch den Krieg zunehmend nach Deutschland und somit auch hier nach Dormagen flüchten:

„Im Moment werde ich häufig gefragt, was in den Unterkünften der Geflüchteten so passiert, was dort zu tun ist, was an Hilfe benötigt wird. Gerne berichte ich davon, weil ich hoffe, damit weitere Menschen zu motivieren, die Geflüchteten zu unterstützen oder zumindest Verständnis zu wecken. Viele Menschen haben bereits geholfen durch Sachspenden, durch Geldspenden und durch „Anpacken“. Ich helfe, weil ich es als meine menschliche Pflicht verstehe, für andere da zu sein - weil ich mir selbst auch wünsche, dass andere mir helfen, wenn ich nicht alleine zurechtkomme.
Ich bin jetzt seit über 25 Jahren bei den Maltesern in Dormagen - und eigentlich ist es nicht wichtig, welche Organisation auf der Uniform steht - wichtig ist, was wir als Menschen tun. Üblicherweise beschäftigen wir Malteser Dormagen uns mit Sanitätsdiensten, Ausbildung, Rettungsdienst - und eben Katastrophenschutz. Das, was da gerade in der Ukraine passiert, kann man als Katastrophe bezeichnen - und die menschlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind noch gar nicht absehbar.

Wir haben in Dormagen Horrem geholfen, die medizinische Versorgung in der Unterkunft aufzubauen. Weitere Einrichtungen sind gerade im Aufbau bzw. auch frisch in Betrieb genommen. Die meisten Ankommenden haben nur einen Koffer oder ein paar Plastiktüten dabei. Einige haben aber auch ihre Haustiere (Hunde, Katzen) dabei - das finde ich wertvoll, das gibt gerade den Kindern ein gutes Gefühl. Ich finde es auch wichtig, die Menschen erstmal ankommen zu lassen und nicht zu bedrängen.
In der Flüchtlingsunterkunft ist es unsere erste Aufgabe, ankommende Menschen auf COVID-19 zu testen und eine erste medizinische Sichtung vorzunehmen - dies kann zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren, manchmal erfolgt die Alarmierung hierzu sehr spontan. Dabei

muss man beachten, dass die Menschen vorher teilweise vier bis fünf Tage unterwegs waren und sehr erschöpft sind.
Natürlich ist es anstrengend, nachts spontan aufstehen zu müssen, obwohl man am nächsten Tag arbeiten muss - aber diese Menschen haben sich die Flucht auch nicht gewünscht. Nach dem ersten Check erfolgt in Dormagen direkt eine Registrierung durch die Stadt Dormagen und die freiwilligen Helfer führen die Menschen in vorbereitete Zimmer mit fertig bezogenen Betten.

Ankommen. Zur Ruhe kommen. Kraft sammeln.
Jeden Tag sind wir seit letzter Woche mit mehreren Helfern vor Ort, um für die Bewohner ansprechbar zu sein - denn es gibt viel zu tun: Krankenakten anlegen und führen, Kontrolluntersuchungen durchführen (Blutdruck, Temperatur, Blutzucker) Untersuchungen durch Ärzte organisieren bei neuen Erkrankungen (z.B. Magen-Darm) oder Fortführung bestehender Behandlungen oder Medikationen. Wir versuchen zu klären, ob die Behandlung durch einen niedergelassenen Arzt reicht, ein Spezialist oder sogar die akute Versorgung im Krankenhaus notwendig ist. Das ist schwierig, weil wir natürlich die vorhandenen Ressourcen sinnvoll einsetzen wollen und vermeiden möchten, dass die Notaufnahmen im Krankenhaus unnötig überfüllt werden.

Auch ist die Kommunikation herausfordernd
Einige der Jugendlichen sprechen auch Englisch, für viele andere ist dagegen nicht nur die Umgebung fremd, sondern auch die Sprache sowie die Schrift. Ich versuche auch bereits einige Worte auf Ukrainisch zu lernen und merke, wie schwer es ist, eine ganz neue Schrift zu lernen. Auf der anderen Seite schafft es ein gutes Gefühl auf beiden Seiten, wenn man versucht, sich zu verstehen.
Bei den Maltesern habe ich gelernt, dass es in jeder Krise eine Chaosphase gibt, in der man sich sortieren und organisieren, Ressourcen klären, die nächsten Schritte planen muss. Dazu kommt es auch oft vor, dass man Entscheidungen immer wieder in Frage stellen und evtl. neu treffen muss. So haben wir z.B. die Vorgehensweise unseres Testens immer wieder überarbeitet: Dadurch werden wir immer effizienter und können die Neuankömmlinge schneller und geordneter versorgen - was wir zu Beginn mit 5-6 Helfern gemacht haben, schaffen wir nun auch zu dritt. Vorbereitung und Planung hilft eben.
Für Dormagen kann ich nur sagen: unser Bürgermeister Erik Lierenfeld macht einen fantastischen Job und führt ein kompetentes und gut vernetztes Team. Viele Vereine, Initiativen, private Helfer wie auch Firmen unterstützen und zeigen: Gemeinsam können wir unglaublich viel schaffen.

Wie kann ich helfen? Infos über die Internetseite der Stadt Dormagen
Jeder, der helfen möchte, kann sich über die Homepage der Stadt Dormagen unter www.dormagen.de melden - bitte habt Verständnis, wenn eine Rückmeldung vielleicht auch ein paar Tage dauert: Im Moment ist unglaublich viel zu planen und auch viele Fragen zu klären - und das Alltagsgeschäft geht ja trotzdem weiter.
In den kommenden Wochen werden noch viele Aufgaben und Herausforderungen auf uns zukommen - und ich bin zuversichtlich, dass wir diese meistern werden. Gemeinsam.“


WorringenPur.de/28.03.2022
Bericht & Fotos: Matthias Klehr
Redakt. & digit. Bearbeitung: Matschkowski