Sankt Martinsumzüge in Worringen aus längst vergessenen Zeiten

Aus der damaligen Worringer Schulzeitung geht hervor, dass der erste Worringer Martinszug am 10. November 1928 durch den Ort zog. Er wurde von der Schule organisiert.

Im darauffolgenden Jahr fand der Martinszug unter der Leitung von Rektor Torsy statt. Der Zug wurde von den Lehrpersonen, den Polizeiorganen und der Feuerwehr begleitet, zudem hatten alle Vereine bis zu sechs Ordner abgestellt. Durch Spenden der Ortsbewohner konnten 70 Fackelpreise verteilt werden. Nach einer Ansprache “Sankt Martins” (Anton Weißenberg) und der Verteilung von 900 Weckmännern fand die gelungene Feier ihren Abschluss.

1935 stand der Martinsumzug unter dem politischen Einfluss der damaligen “NSV” (National Sozialistische Volkswohlfahrt). Auf dem Sportplatz wurde das Martinsfeuer abgebrannt.

Bedingt durch die sogenannte “schlechte Zeit” musste der erste Martinszug nach Kriegsende ohne jegliche Musik durch den Ort ziehen. Diesen Zustand wollte der damalige Wirt der Gaststätte “Lindscheidt” Jakob Lutz nicht hinnehmen und inszenierte eine Geldsammlung für den nächsten Martinszug.

Hierzu stellte er ein mit einem Gänsekopf verziertes Sparkästchen in seiner Gaststätte auf und eröffnete somit die Spendenaktion, die sich auf mehrere Gaststätten ausweitete.

Die Aktion verlief so erfolgreich, dass im folgenden Jahr wieder eine Musikgruppe den “Sankt Martin” begleiten konnte. Den musikalischen Rahmen bestritten Heinz Kemmerling, Karl Wirtz “Hotschemächer” und der spätere Wirt der Gaststätte Jäger, Theo Meurer.

In den 50er Jahren erhielten die Kinder, als Auszeichnung für ihre besonders originell gefertigten Fackeln, ein Sparbuch mit einer geringen Einlage der hiesigen Sparkassen. Oft wurden Zuckerrüben ausgehöhlt und grimassenhaft verziert.
Das Backen der Weckmänner übernahmen die Bäckereien, die erforderlichen Zutaten spendeten die ortsansässigen Landwirte und Geschäftsleute.

Nachdem “Sankt Martin” (des öfteren Lehrer Hermanns) hoch zu Ross durch die Straßen gezogen war, wurden in den Schulklassen die begehrten Weckmänner verteilt. Teilweise nahmen ca. 800 Kinder am Martinszug teil. Für Kleinkinder, die nicht den Kindergarten besuchten, wurden die Weckmänner in der Schul-Baracke (Zimmer der Gemeindeschwester) ausgegeben.

Voller Ungeduld warteten die auf dem Schulhof versammelten Eltern und Kinder auf die Verlosung von Gänsen, Hühnern und Hähnen, die in einem “Gänsewagen” den Martinszug begleitet hatten.





Ihr Hans-Josef Heinz
K.-Worringen, November 2003
















In seinem Buch „Weeß do noch, wie dozomol...?“ berichtet Toni Jägers u. a. über Silvester-Erinnerungen aus der „guten, alten Zeit“. Hier setzt  Toni Jägers offensichtlich  Erlebnisse aus einer Worringer Bäckerfamilie aus der Zeit um 1900 um.

Im Hinblick auf den anstehenden Jahreswechsel  hat Hans-Josef Heinz  die von Toni Jägers verfasste Dokumentation für das Internetmagazin „WorringenPur“ umgesetzt.
Das nachstehend  beschriebene  Brauchtum wurde nach der Eingemeindung (1922) von der Stadt Köln untersagt.

Silvester – Erinnerungen aus der „guten, alten Zeit“

Der  Übergang ins neue Jahr wurde kaum in  Wirtschaften, sondern überwiegend in den Backstuben der örtlichen Bäckereien  begangen. Eine Lotterie, deren  Gewinn eine Brezel war, zog die Bevölkerung dort hin.

Damit genügend Platz vorhanden war, wurden Backstube und Hausgang mit Tischen und Stühlen, die teilweise bei der Nachbarschaft ausgeliehen wurden, bestückt. Lange vor dem Ereignis wurden unter Mithilfe der Kinder ganze Berge von den begehrten Brezeln gebacken. 

Bevor man sich zu diesem Spektakel aufmachte, besuchte Jung und Alt zunächst in der Kirche die Schlussandacht (Beschloß). Wenn das nötige Geld für die Teilnahme an der Lotterie fehlte, wurde auch schon mal eine Ziege verkauft. Der Einsatz kostete zwei Pfennige.

Innerhalb von kurzer Zeit waren alle Sitzplätze besetzt, selbst auf der Treppe zur „Läuv“  fand man keinen freien  Platz mehr. Die Lotterie sah vor, dass ein Teilnehmer  pro Spielrunde fünf Gewinnlose (Schröm)  auf sich vereinigen musste. Oft erhielt der Gewinner in einer Spielrunde einen großen  Wäschekorb voller Brezeln.

Die Verlosung hatte nicht nur einen spannenden, sondern auch einen  humorvollen Verlauf, weil die  Gewinner unter  Nennung  ihrer Spitznamen ausgerufen wurden.  Beispielweise : Nr. 14  „Schwets Möhn“, Nr. 77 „Dubbelde Jüd“ oder Nr. 84 „Büggels Schomächer“.

Punkt zwölf Uhr wünschte man sich ein „Jlöcksillich Neujohr“, denn das neumodische „Prosit Neujohr“ war noch wenig bekannt. Die Lotterie wurde fortgeführt bis alle Brezeln  verteilt waren. Dann ging es nach Hause. Die Gewinner mit ihren Brezeln und die anderen in der Hoffnung, das neue Jahr möchte ihnen mehr Glück und Segen bringen wie das Alte.





Ihr Hans-Josef Heinz
K.-Worringen, 30. Dezember 2003